Ein Höhenflug nach verpasster
Sternstunde 
Bonn ließ erst Hamburgs Luftfahrtindustrie
scheitern, bevor mit dem europäischen Airbus ein Stern aufging
Von Karl Morgenstern und Peter Zerbe
Mit der Entscheidung, den neuen Jumbo-Airbus A380 in
Hamburg-Finkenwerder auszurüsten und zu lackieren sowie einen Teil
der Maschinen auch an die Kunden auszuliefern, hat das Hamburger
Oberverwaltungsgericht den Weg geebnet, Hamburg zu einem führenden
Luftfahrt-Zentrum zu machen. Die mangelnde politische und
finanzielle Unterstützung hat in der Vergangenheit schon mehrmals
dazu geführt, zukunftsträchtige Vorstellungen der Flugzeugbauer
scheitern zu lassen.
Schon zwei Mal ist die deutsche Flugzeugindustrie in
der Hansestadt und einmal in Bremen an der Politik gescheitert. Der
große Gewinner war in den sechziger Jahren Boeing. Der
US-Branchenriese aus Seattle zehrt noch heute von der
Fehleinschätzung führender deutscher Politiker, die seinerzeit der
zivilen deutschen Flugzeugindustrie die kalte Schulter zeigten.
1957 wurde unter der Ägide von Wirtschaftsminister
Ludwig Erhard (CDU) ein Wettbewerb für Verkehrsflugzeuge
ausgeschrieben. Die Hamburger Flugzeugbau (HFB), die Ende 1956 erst
292 Mitarbeiter beschäftigte, reagierte sofort. Chefingenieur Hans
Wocke, Leiter des Entwurfsbüros in Finkenwerder, präsentierte im
Oktober 1957 das Kurz- und Mittelstreckenflugzeug HFB-314. Für 70
bis 80 Passagiere sollte der zweistrahlige Jet Platz haben und fast
tausend Stundenkilometer schnell sein. Die Konstrukteure in aller
Welt horchten auf.
Bei HFB, heute Teil des EADS Airbus-Konsortiums,
rechnete man sich große Marktchancen im In- und Ausland aus, zumal
die französische Caravelle und die englische De Havilland DH-21
leistungsschwächer zu sein schienen. Als im September 1958 die
Deutsche Lufthansa die guten Marktchancen der HFB-314 bestätigte,
schien der Himmel an der Elbe voller Geigen zu hängen, zumal auch
das Bundeswirtschaftsministerium bereit zu sein schien, die
notwendigen Fördermittel zu bewilligen. Die Lufthanseaten, die
damals entschlossen waren, ihre Propellerflugzeuge durch
Düsenflugzeuge zu ersetzen, hatten Bonn damals dringend empfohlen,
das Projekt HFB-314 zu unterstützen.
Doch es kam alles anders. Die deutschen Unternehmen
waren damals wirtschaftlich noch nicht in der Lage, sich an den
aufwendigen Entwicklungskosten zu beteiligen. Im Ausland wurden
derartige Projekte seinerzeit von Staats wegen bei vollem Risiko
finanziert. Das HFB-314-Projekt wurde auf 37,7 Millionen Mark
Entwicklungskosten inklusive der Fertigung von zwei Prototypen
beziffert. Realistisch wäre sicherlich das Doppelte gewesen.
Trotzdem waren es - auch für damalige Verhältnisse - bescheidene
Beträge.
Im November 1960 sah sich HFB zur Aufgabe des Projekts
gezwungen, weil im Finanzministerium grundsätzliche Bedenken
gegenüber der Förderung des zivilen Flugzeugbaus herrschten. Die
Konsequenzen waren tragisch: Die Lufthansa ging in die USA und
forcierte mit dem Boeing- Konzern das Projekt Boeing 737. So wurde
der zweistrahlige Jet nicht nur das meistverkaufte
Düsenverkehrsflugzeug der Welt, sondern Boeing ist den beiden
weitsichtigen Lufthansa-Managern Gerhard Höltje und Reinhardt
Abraham noch heute dafür dankbar, dass man von ihnen buchstäblich
zum großen Erfolg und Glück gezwungen wurde.
Die deutsche Luftfahrtindustrie aber hatte ihre erste
große Nachkriegschance verspielt. Grenzenlose Enttäuschung sprach
aus den Worten des engagierten ehemaligen Hamburger Bürgermeisters
und Wirtschaftssenators Edgar Engelhard: "Was mit der Hamburger
Flugzeugbau geschehen ist, dürfte in der Nachkriegszeit einzig
dastehen ... Dadurch, dass man seitens der Bundesregierung die
Angelegenheit immer wieder verschleppt hat, ist eine Chance für
einen der schwächsten deutschen Wirtschaftszweige endgültig
verspielt worden." Bis heute wurden 4878 Boeing 737 aller Versionen
bestellt und fast 3900 Exemplare ausgeliefert.
Aber auch zwei andere Anläufe der motivierten deutschen
Flugzeugbauer nach dem von den Alliierten 1945 erzwungenen
Produktionsstopp blieben auf der Strecke, weil die Kapitaldecke der
wiedererstandenen Flugzeugbau-Unternehmen einfach zu kurz war, um
längerfris-tig durchhalten zu können: Zum einen war es der Hamburger
Flugzeugbau, der sein Geschäftsreiseflugzeug HFB 320 mit nach vorn
gepfeilten Tragflügeln für bis zu maximal zwölf Passagiere auch
aufgeben musste, zum anderen die Vereinigten Flugtechnischen Werke
in Bremen, die mit ihrer VFW 614 ebenfalls mangels Kapitalkraft
zurückstecken mussten.
Die HFB 320 Hansa Jet war mit geringer Hamburger
Unterstützung in die Entwicklung gegangen und hob am 21. April 1964
zum Jungfernflug ab. Insgesamt wurden 47 Maschinen gebaut und
verkauft. Das waren zu wenig Maschinen, um Geld zu verdienen. Und da
1966 die ersten Gespräche über den Bau eines europäischen Flugzeugs,
des heutigen Airbusses begannen, war die Einstellung der Produktion
unvermeidlich. Doch noch heute fliegen einige dieser Hansa Jets.
Die Bremer VFW 614 hob am 14. Juni 1971 zum ersten Mal
ab. Das erste Serienflugzeug startete am 28. April 1975 und wurde
dann 19 Mal gebaut. Sie war als Kurzstreckenjet für bis zu 44
Passagiere geplant. Auffällig waren die beiden auf die Tragflächen
aufgesetzten Triebwerke. Auch diese Maschine ist heute noch im
Einsatz.
Beide Maschinen waren mit ihrer Technik der Zeit
voraus. Die vorgepfeilten Flügel der HFB 320 sorgten für sehr gute
Flugeigenschaften. Und die VFW 614 war damals schon ein Jet für
kurze Pisten, um auch kleinere Flughäfen mit Jet-Gerät an die großen
Airports zu binden oder um Nebenstrecken zu befliegen. Heute gibt es
wieder eine Studie zur Lärmverminderung von EADS-Airbus über einen
Jet mit Triebwerken, die auf den Tragflächen montiert sind, um den
Lärm zu vermindern.
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